Nachhaltigkeit, «Green Steel» und hybride Bauweisen in der Intralogistik
Nachhaltigkeit, «Green Steel» und hybride Bauweisen in der Intralogistik Nachhaltigkeit ist in der Intralogistik längst mehr als ein Trend. Kunden, Märkte und regulatorische Anforderungen verlangen nach Lösungen, die ökologische Verantwortung, Wirtschaftlichkeit und technologische Leistungsfähigkeit miteinander verbinden. Die Schweizer Stöcklin Group beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit nachhaltigen Ansätzen – von energieeffizienten Produktions- und Gebäudekonzepten über «Green Steel» bis hin zu hybriden Holz-Stahl-Lösungen für moderne Logistikimmobilien. Damaris Grütter ist Group Chief Marketing Officer & Vice President der Stöcklin Group.

Im Gespräch mit der LOGISTIK erläutert Damaris Grütter, Group Chief Marketing Officer & Vice President der Stöcklin Group, warum Nachhaltigkeit tief in der Unternehmens-DNA verankert ist, welche Potenziale moderne Materialkonzepte bieten und weshalb intelligente Hybrid-Lösungen die Zukunft der Logistikimmobilien prägen werden.
LOGISTIK: Bei der Firma Stöcklin Logistik wird dem Thema Nachhaltigkeit schon seit vielen Jahren hohe Priorität eingeräumt. Welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit innerhalb der Geschäftsleitung und der Unternehmensstrategie?
Damaris Grütter: Nachhaltigkeit hat bei uns eine sehr gros se Bedeutung und ist integraler Bestandteil unserer Firmen DNA. Als Familienunternehmen denken wir traditionell langfristig – sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch. Viele nachhaltige Ansätze haben wir bereits umgesetzt, lange bevor Nachhaltigkeit zu einem grossen öffentlichen Thema geworden ist.
Schon an unserem früheren Standort in Dornach haben wir beispielsweise Wasser aus der Lackieranlage wiederaufbereitet und grossen Wert auf ressourcenschonende Prozesse gelegt. Beim Neubau unseres Technologie-Centers in Laufen im Jahr 2020 konnten wir diese Philosophie konsequent weiterentwickeln.
Dabei war unser Ziel nicht nur ein nachhaltiges Gebäude zu schaffen, sondern gleichzeitig optimale Arbeits- und Produktionsabläufe zu realisieren. Heute profitieren wir von einem hochmodernen Standort mit rund 60 Erdsonden zur Kühlung und Wärmeerzeugung, grossflächigen Photovoltaikanlagen sowie einem intelligenten Energiekonzept.
Im Vergleich zum früheren Standort konnten wir unseren Energieverbrauch massiv reduzieren und benötigen heute nur noch rund einen Drittel der Energie. Gleichzeitig sind wir in den Sommermonaten teilweise mehrere Monate energieautark unterwegs.
Hat sich die Art verändert, wie Stöcklin über Nachhaltigkeit kommuniziert?
Damaris Grütter: Ja, definitiv. Nachhaltigkeit war bei uns lange gelebte Realität, ohne dass wir aktiv darüber gesprochen haben. Heute kommunizieren wir dieses Engagement deutlich offensiver – weil Kunden, Partner und Mitarbeitende zu nehmend Transparenz erwarten und weil nachhaltige Lösungen mittlerweile auch ein wichtiges Entscheidungskriterium geworden sind.
Dabei ist uns wichtig, authentisch zu bleiben. Wir wollen keine Nachhaltigkeit «verkaufen», sondern aufzeigen, welche konkreten Massnahmen wir tatsächlich umsetzen und welchen Mehrwert diese für unsere Kunden und unsere Umwelt schaffen.
Wenn Stöcklin Logistik mit seinen Kunden im Kontakt steht: Sprechen Sie die Nachhaltigkeits-Thematik proaktiv an oder kommt der Anstoss heute eher seitens des Kunden?
Damaris Grütter: Das ist heute ganz klar beides. Einerseits kommen immer mehr Kunden aktiv mit konkreten Nachhaltigkeits anforderungen auf uns zu – beispielsweise im Bereich CO2-Reduktion, «Green Steel» oder Nachhaltigkeitsreporting. Andererseits treiben auch wir das Thema aktiv voran und zeigen unseren Kunden gezielt Möglichkeiten auf, wie Prozesse, Gebäude oder Anlagen nachhaltiger gestaltet werden können.
Ein sehr gutes Beispiel dafür ist ein aktuelles Mo dernisierungsprojekt für ein internationales Pharmaunternehmen. Im Zuge eines Retrofits und der Erweiterung der Lagerkapazitäten wurden bestehende Regalsysteme umstrukturiert und verdichtet, sodass der vorhandene Stahl optimal weitergenutzt werden konnte. Gleichzeitig konnte zusätzliche Lagerkapazität geschaffen werden, ohne umfangreiche Neubauten realisieren zu müssen.
Solche Projekte zeigen sehr gut, dass Nachhaltigkeit nicht zwingend bedeutet, alles neu zu bauen. Oft liegt das grösste Potenzial vielmehr in intelligenten Modernisierungskonzepten, der optimalen Nutzung bestehender Ressourcen und einer langfristigen Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus hinweg.
Natürlich gibt es auch Kunden wie beispielsweise Lego, die bereits sehr hohe Anforderungen an Nachhaltigkeit und Transparenz innerhalb der gesamten Lieferkette stellen. Diese Entwicklungen treiben die gesamte Branche voran und motivieren uns gleichzeitig, kontinuierlich neue Lösungen zu entwickeln.
Einzelne Kunden verlangen mittlerweile explizit «Green Steel» oder CO₂-reduzierte Materialien. Wie geht Stöcklin mit solchen Anforderungen um?
Damaris Grütter: Wir sehen darin eine sehr spannende Entwicklung. Bereits heute setzen wir bei Kundenwunsch gezielt auf «Green Steel» oder Recyclingstahl. Die Herstellung von «Green Steel» erfolgt über alternative Prozesse, beispielsweise mit Wasserstoff und erneuerbaren Energien. Dadurch können die CO2-Emissionen im Vergleich zur klassischen Primärstahlproduktion massiv reduziert werden.
Gerade in der Intralogistik bleibt Stahl in vielen Bereichen unverzichtbar – insbesondere dort, wo hohe Lasten, grosse Spannweiten oder filigrane Konstruktionen gefordert sind. Umso wichtiger ist es, die CO2-Bilanz dieses Materials kontinuierlich zu verbessern.
Zusätzlich beraten wir unsere Kunden aktiv dabei, wie sie weitere Emissionen reduzieren können – beispielsweise durch intelligente Materialkombinationen, ressourcenschonende Planung oder Modernisierung be stehender Anlagen.
Wo sehen Sie aktuell die grössten Potenziale, klassische Baustoffe wie Stahl und Beton durch Holz zu ergänzen oder teilweise zu ersetzen?
Damaris Grütter: Aus unserer Sicht liegt die Zukunft nicht im vollständigen Ersatz einzelner Materialien, sondern in intelligenten Hybrid-Lösungen. Holz, Stahl und Beton haben jeweils unterschiedliche Stärken. Holz überzeugt durch seine hervorragende CO2-Bilanz und seine Fähigkeit, Kohlenstoff langfristig zu speichern. Moderne Holzwerkstoffe wie Brettschichtholz oder Kreuzlagenholz ermöglichen heute Tragfähigkeiten und Spannweiten, die vor einigen Jahren kaum denkbar gewesen wären.
Stahl wiederum bleibt dort essenziell, wo hohe Belastungen oder sehr schlanke Konstruktionen erforderlich sind. Beton bietet Vorteile bei Fundamenten oder brandschutztechnisch relevanten Bereichen.
Die grössten Potenziale sehen wir daher in hybriden Konstruktionen – beispielsweise bei Primärtragwerken, Dachsystemen, Fassaden oder künftig auch bei Regalsystemen und Hochregallagern.
Welche Rolle könnte Holz künftig in der Intralogistik spielen?
Damaris Grütter: Holz wird künftig definitiv eine grössere Rolle spielen. Gerade im Bereich nachhaltiger Logistikimmobilien oder hybrider Regalsysteme sehen wir sehr spannende Entwicklungen. Holz besitzt nicht nur eine sehr gute CO2-Bilanz, sondern ermöglicht auch eine langfristige CO2-Speicherung. Gleichzeitig entwickeln sich moderne Holzwerkstoffe technologisch enorm weiter.
Wir beschäftigen uns intensiv mit möglichen Anwendungen von Holz in Hochregallagern, automatischen Kleinteilelagern und Regalsystemen. Technisch sind viele Lösungen heute bereits realisierbar. Dabei geht es weniger um einen radikalen Materialwechsel, sondern vielmehr um die intelligente Kombination bestehender Technologien und Materialien.
Welche Materialien oder Bauweisen halten Sie generell für besonders vielversprechend, um Logistik immobilien nachhaltiger zu gestalten?
Damaris Grütter: Besonders vielversprechend sind aus unserer Sicht hybride Bauweisen. Holz übernimmt dabei zunehmend eine tragende Rolle als nachwachsender Rohstoff und CO2-Speicher. «Green Steel» ermöglicht leistungsfähige und gleichzeitig deutlich CO2-reduzierte Tragstrukturen. Ergänzend dazu gewinnen auch kreislauffähige Baustoffe wie Lehm im Innenausbau oder bei nichttragenden Anwendungen an Bedeutung.
Entscheidend ist jedoch weniger der einzelne Werkstoff, sondern vielmehr das intelligente Zusammenspiel verschiedener Materialien über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Nachhaltigkeit beginnt bereits bei der Planung, setzt sich im Betrieb fort und endet nicht beim Rückbau. Themen wie Wiederverwendung, Recyclingfähigkeit, Modernisierung und Long-Life-Strategien werden künftig eine immer wichtigere Rolle spielen.
Welche Entwicklungen könnten den Einsatz nachhaltiger Materialien in der Intralogistik in den kommenden Jahren entscheidend voranbringen?
Damaris Grütter: Aus meiner Sicht erleben wir aktuell keinen einzelnen technologischen Durchbruch, sondern vielmehr eine Kombination verschiedener Entwicklungen. Dazu gehören moderne Holztechnologien, Fortschritte in der digitalen Planung und Simulation sowie steigende Ingenieurkompetenz im Bereich nachhaltiger Bauweisen.
Gleichzeitig verändert sich auch das Bewusstsein am Markt. Nachhaltigkeit wird zunehmend zum integralen Bestandteil von Investitionsentscheidungen. Die Verbindung aus Digitalisierung, intelligentem Engineering, modernen Werkstoffen und einem klaren Fokus auf Kreislaufwirtschaft wird die Intralogistik in den kommenden Jahren stark prägen.
Was bedeutet Nachhaltigkeit persönlich für Sie und für die Zukunft von Stöcklin?
Damaris Grütter: Nachhaltigkeit bedeutet für mich langfristiges Denken und verantwortungsvolles Handeln – gegenüber Mit arbeitenden, Kunden, Partnern und der Umwelt. Als Familienunternehmen tragen wir Verantwortung über Generationen hinweg. Deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit Themen wie CO2-Reduktion, Kreislaufwirtschaft, nachhaltigen Materialien und energieeffizienten Prozessen.
Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit kein Widerspruch sind. Im Gegenteil: Nachhaltige Lösungen schaffen langfristig Wettbewerbsvorteile, reduzieren Ressourcenverbrauch und erhöhen die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.
Unser Ziel ist es, innovative und wirtschaftlich sinn volle Intralogistik-Lösungen zu entwickeln, die einen echten Beitrag zu einer nachhaltigeren Industrie leisten.
Vielen Dank für das Gespräch.
Autor: Robert Altermatt