«Logistik extrem» in Zürich!
Das 41. Zürcher Logistik-Kolloquium ist Geschichte. Knapp 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden im Dozenten-Foyer der ETH Zürich in die Logistik der Extreme eingeführt. Sprichwörtlich. So etwa erfuhren sie, wie der grösste Schweizer Gerüstbauer 225'000 Tonnen Gerüstmaterial pro Jahr in der Schweiz logistisch bewältigt oder wie die Firma Eberhard mehr als 200'000 Kubikmeter Aushubmaterial der riesigen Unispital-Baustelle inmitten der Stadt Zürich abtransportiert hat.

René Schmid, Mitglied der Geschäftsleitung der Firma Roth Gerüste AG mit Sitz in Aarau, sprach als erster Referent des Abends zum Thema «Gerüstbauer oder Logistiker?». Themeninhalt seines Vortrags: Gedankengänge vom Schweizer Markt-Leader im Gerüstbau.
Roth Gerüste ist das grösste Gerüstbau-Unternehmen in der Schweiz. Die Firma beschäftigt rund 700 festangestellte Mitarbeitende plus zusätzlich in der Hochsaison im Sommer nochmals 1100 Temporär-Gerüstbauer an schweizweit insgesamt 21 Standorten. René Schmid ist Mitglied der Geschäftsleitung von Roth Gerüste und dabei in der Schweiz für die Region Mitte verantwortlich. Schmid: «Wir haben einen Marktanteil von 25 Prozent. Theoretisch sollte jedes vierte Gerüst, das in der Schweiz an Gebäuden befestigt ist, von uns sein.»
225'000 Tonnen Gerüstmaterial pro Jahr
Die Roth Gerüste AG bewegt in der Schweiz pro Jahr 225'000 Tonnen Gerüstmaterial - eine enorme Menge. Zu den weiteren Eckdaten: Jährlich fallen 184'000 Manntage an, zudem verfügt das Unternehmen über einen Fuhrpark von 300 Lieferwagen, unterhält 58 Lkw, 249 Anhänger, 78 Stapler und hat 144 Personenwagen. Kurzum: die Roth Gerüste AG hat enorm viel Infrastruktur und Material, das täglich logistisch bewegt werden muss - und auch wird.
Anlässlich des 41. Zürcher Logistik-Kolloquiums überraschte Schmid mit folgender Aussage: «Wir sind gar kein Gerüstbauer, sondern ein Logistiker!» Schmid erklärte, dass er vor ein paar Jahren firmenintern diese Aussage erstmals gegenüber dem Roth-Verwaltungsrat getätigt habe - und dabei anfänglich schräg angeschaut wurde. Schnell sei jedoch klar geworden, dass man sich solche Gedanken noch nie gemacht habe, diese es aber wert seien, eingehender überprüft zu werden.
Die Krux mit der Logistik
«Wenn wir uns die einzelnen Tagesschritte im Gerüstbau vor Augen führen, so konstatieren wir: Beim Gerüstbau haben wir es mit Lagerlogistik, Staplerlogistik, Kranlogistik, Strassenlogistik sowie Logistik auf der Baustelle zu tun. Zudem: auf der Baustelle haben wir eine horizontale und vertikale Logistik. Beim Gerüstbau geht es letztlich um Folgendes: das Material muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sein.»
Diese Erkenntnis habe dazu geführt, dass die Roth Gerüste AG ihre Logistikabläufe verändern müsse. Schmid: «Wir sind Profis im Gerüstbau, machen aber 95 Prozent Logistik. Von Logistik aber hatten wir damals grundsätzlich wenig oder keine Ahnung. Das mag etwas hart klingen, war aber so. Konkret laden wir Gerüste auf unsere Fahrzeuge, fahren zu den Baustellen und laden das Material wieder ab und montieren dieses. Natürlich verfügen wir über eine Disposition, aber angesichts der enormen Handling-Menge an Gerüstmaterial mussten wir uns ernsthafte Gedanken zur Neuausrichtung unserer Logistik machen.»
Ein Besuch im Logistikzentrum des Schweizer Online-Händlers Brack in Willisau habe ihm persönlich vor ein paar Jahren die Augen geöffnet, so Schmid. Dort sei der Automatisierungs- und Robotikgrad hoch, zudem werde künstliche Intelligenz eingesetzt. Im Vergleich zum Baugewerbe (einschliesslich Gerüstbau) komme er sich vor, als befinde sich dieser im Baugewerbe «noch in der Steinzeit». Im (Gerüst-)Bau werde alles noch von Hand gemacht, es werden extrem schwere Materialien bewegt und grundsätzlich sei noch extrem wenig automatisiert. Zudem komme erschwerend dazu, dass der Gerüstbau bei der Ausführung seiner logistischen Abläufe stark fremdgesteuert sei. Heisst konkret: die Planung werde durch externe Faktoren wie ultra-kurzfristige Anfragen zur Lieferung und Montage bzw. Demontage eines Gerüsts, unterschiedliche Bauphasen, Abhängigkeiten wie beispielsweise Verkehr (Stau!) und enge Platzverhältnisse in Städten und auf Baustellen, Wetter etc. beeinflusst. Das alles erschwere die Logistikabläufe für die Firma Roth Gerüste AG stark.
Als Reaktion darauf entschloss man sich bei der Roth Gerüste AG, im Jahr 2022 das Innovationsprojekt «Nachtverlad» einzuführen. Konkret ging es darum, die Bereitstellung der Gerüste vom Tag in die Nacht zu verschieben. Dadurch, dass seither die Gerüste in den Abendstunden logistisch bereitgestellt werden, eröffnen sich tagsüber wesentlich grössere Kapazitäten und Vorteile. Die Gerüst-Monteure haben aufgrund des erfolgreichen Pilotprojekts «Nachtverlad» nun tagsüber wesentlich grössere Präsenz- und Montagezeiten auf der Baustelle, die Planung sei stark verbessert, da die Fahrzeuge frühmorgens bereits fixfertig mit Gerüstmaterial abfahrbereit sind. Ein anderer Vorteil ist, dass die Be- und Entladung neu deutlich effizienter erfolgt und so logistische Leerläufe vermieden werden. Ein weiterer positiver Aspekt der Einführung des Innovationsprojekts «Nachtverlad» ist, dass damit so genannte «Schonarbeitsplätze» eingerichtet werden konnten. Schmid: «Wir können Leute beschäftigen, die in Richtung Pensionierung gehen oder Mitarbeitende, die aufgrund der harten körperlichen Arbeit nicht mehr neun Stunden pro Tag Gerüste montieren können. Diese Leute können wir nun beispielsweise im Lager für ergonomisch schonende Arbeiten einsetzen.»
Einer der grössten Hebel der «Nachtverlad»-Umstellung war, dass die Monteure deutlich mehr Zeit für ihre Haupttätigkeit, den Gerüstbau bei den Kunden, zur Verfügung haben, just weil sie klar weniger lang mit Be- und Entladetätigkeiten beschäftigt sind.
In Zukunft (Zeitraum ist 2030+) möchte die Roth AG ihre Logistikprozesse weiter optimieren. So etwa testet das Unternehmen derzeit zusammen mit dem Touring Club der Schweiz (TCS), inwieweit man mit Drohnen die Gerüst-Montage unterstützen kann. Im Moment sei der Drohnen-Einsatz wegen der hohen Gewichte der Gerüste noch nicht einsatzfähig, aber der Versuch liefere erste wertvolle Hinweise auf einen allfälligen späteren Praxiseinsatz. Heute sei es beispielsweise so, dass seine Arbeiter auf einer Baustelle teilweise bis zu 25 Minuten warten müssten, bis sie einen Kran für das Gerüst-Handling/-Transport beanspruchen könnten. Mit Drohnen, sofern diese einst technisch bereit und regulatorisch erlaubt sind, stünden dann zeitsparende Alternativen bereit.
Auch in Planung bei der Roth Gerüste AG sind neue Logistik-Hubs in der ganzen Schweiz, zwischen drei und vier an der Zahl. In diesen soll das gesamte Gerüstbau-Material dereinst gesammelt und zwischengelagert werden. Die Material-Zentralisierung soll künftig die Reservebestände dezimieren und zu einem besseren, gebündelteren Materialfluss sowie einer intelligenten Transportplanung führen. René Schmid: «Wir möchten in Zukunft mit Logistik-Hubs arbeiten, bei denen wir ganz genau wissen, wo genau sich das Material und in welcher Menge es sich befindet.»
Des Weiteren plant die Roth Gerüste AG eine umfassende Digitalisierung. Momentan besitze das Unternehmen Gerüstmaterial, welches eine Fläche von drei Millionen Quadratmetern umfasst, was einer Fläche von 6000 bis 7000 Einfamilienhäusern entspricht. Dank Digitalisierung und den geplanten Hubs erhofft sich die Firma - bei gleicher Leistung und gleichbleibendem Umsatz - eine Einsparung um 500'000 Quadratmeter Gerüstmaterial.
Kurzfazit: Fürwahr eine extreme logistische Leistung - und Herausforderung!
Weitere Referate
Zweiter Referent des 41. Zürcher Logistik-Kolloquiums war Silvan Eberhard, Leiter Logistik des Unternehmens Eberhard Bau AG mit Sitz in Oberglatt (Kanton Zürich). Dieser sprach zum Thema «Wenn mehr als 200'000 Kubikmeter Zürich verlassen…». Themeninhalt: Aushublogistik im Herzen von Zürich.
Das dritte und letzte Referat hielt Dr. Philipp Blumer, der im zivilen Leben Prozessingenieur bei der Firma Sensirion AG mit Sitz in Stäfa (Kanton Zürich) ist. Im Militär bekleidet er in der Schweizer Armee den Rang eines Majors. Der Titel seines Referats lautet: «Ohne Einsatzlogistik geht nichts!». Themeninhalt: Schweizer Truppenübung in Österreich, Trias 25.
ACHTUNG: dieser Beitrag wird online kontinuierlich ergänzt.